Donnerstag, August 25, 2016

Der verlorene Sohn (1934)



Das ist jetzt wirklich Zufall, das ich mich nach einem Monat Pause mit dieser Titelzeile zurückmelde. Erst war ich ein Wochenende krank, dann war ich - wie immer im August - durch das Haldern Pop Festival gebunden. Und dort habe ich mir in den letzten Stunden das linke Ellenbogengelenk gebrochen. Jetzt laufe ich schon seit eineinhalb Wochen mit einer Gipsschiene am linken Arm herum. Und was echt grausam ist: normalerweise schreibe ich 10-Finger-Blind, wenn man davon auf 1-Finger-Such umsteigen muss, dann kriegt man echt die Krise. Wenn ich also weniger texte wie gewohnt, wisst Ihr, woran es liegt.




Heute morgen habe ich in einem Lexikon über das 20. Jahrhundert herumgeblättert, das ich vor einigen Jahren von einer verstorbenen Tante geerbt hatte. Und dort bin ich unter der Jahreszahl 1934 auf die Veröffentlichung eines Spielfilms von Luis Trenker gestoßen, der teilweise in New York City entstanden sein soll: Der verlorene Sohn.

Ein deutscher Spielfilm, der in der ersten Hälfte der 1930er teilweise  in New York City gedreht wurde, das könnte doch interessant für den Blog sein, habe ich mir gedacht.




Ich werde direkt mal auf die Rahmenbedingungen eingehen, unter denen der Film entstanden ist. Die Dreharbeiten fanden 1933, also im Jahr der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten statt. Und wie alle Künstler, die in dieser Zeit in Deutschland tätig waren, blieb auch der gebürtige (Süd)Tiroler Luis Trenker hiervon nicht unbeeinflusst. Um es mal sehr einfach zusammenzufassen: am Anfang war er bei der neuen Regierung noch sehr gerne gesehen, später änderte sich das Verhältnis und in den 1940ern wurde er schließlich mit einem Berufsverbot belegt.




Der 1892 geborene Trenker, den man als Kind der 1970er noch von diversen Auftritten im deutschen Fernsehen kennt, war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten knapp über 40 Jahre alt. Die Aufnahmen in New York entstanden teilweise wohl unter Verwendung einer versteckten Kamera. Damit sollte der tatsächliche Zustand der Stadt dokumentiert werden, wo das Leben der Menschen immer noch stark durch die Weltwirtschaftskrise beeinflusst war. Dass ein Film ein eher negatives Bild von der Hudson-Metropole zeichnete, das war zweifellos bei den neuen Machthabern gerne gesehen. Das sollte man im Hinterkopf haben, wenn man sich die ungeschminkten und realistischen Bilder von New York City ansieht.



Auf der anderen Seite gibt es einiges zu sehen, das uns Internet-Archäologen Freude macht. Wie zum Beispiel der Besuch Trenkers auf der Aussichtsplattform des Empire State Buildings zwei Jahre nach Eröffnung des Wolkenkratzers. Und die damals noch nicht mit dem hohen Zaun ausgestattet war, der kam erst später, nachdem einige Lebensmüde zuviel das Gebäude für ihren letzten Auftritt genutzt hatten.



Trenker hatte am 01. November 1933 das deutsche Linienschiff Bremen ab Cherbourg genommen, um auf dem damals noch üblichen Weg nach New York City zu gelangen. Die Überfahrt dauerte seinerzeit fünf bis sechs Tage. Die Aufnahmen im Film dürften also in den letzten Wochen des Jahres 1933 entstanden sein.

Wir sehen seine Figur Tonio Feuersinger zunächst an verschiedenen Schauplätzen in Manhattan herumlaufen....






... bevor sie die Aussichtsplattform des Empire State Buildings besucht. Wir schreiben 1933, das Jahr, in dem auch der Filmklassiker "King Kong" entstanden ist. 


Und ebenso wie dort bekommt man auch bei Trenker kurz die ursprüngliche Form des Gebäudeabschlusses zu sehen, der ursprünglich mal als Anlegemast für Luftschiffe gedacht war.


















Nachdem er nicht am Personal seiner Bekannten in New York zu diesen durchdringen kann, verschlechtert sich die Lage des ausgewanderten Tirolers Tonio zusehens: er findet keine Arbeit, wird von seiner Vermieterin vor die Tür gesetzt, ....







... überquert nach dem Rausschmiss den Time Square und versetzt sein Eigentum bei einem Pfandleiher. Im abendlichen Manhattan endet sein Irrweg schließlich auf einer Parkbank im Central Park.













Nach einem ungemütlichen Weckdienst durch einen Ordnungshüter lernt Tonio einen anderen Obdachlosen kennen, Nachdem man eine Zigarette und geklaute Milch als Früstück geteilt hat, finden die zwei schließlich doch noch Arbeit.








Dabei kommt dem Tiroler Tonio zugute, dass er aufgrund seines vorherigen Lebens in den Südtiroler Bergen wenig Probleme mit Arbeit in großer Höhe hat. Der Wolkenkratzer, der hier gebaut wird, scheint im Financial District zu entstehen. Man sieht unter anderem das Woolworth Building, das Park Row Building und das Singer Building sowie die Brooklyn Bridge auf diversen Einstellungen. Trotzdem werde ich den Verdacht nicht los, dass hier Aufnahmen mehrerer Baustellen gemischt wurden. Hat jemand einen Geistesblitz, welches Gebäude hier gerade entsteht?





























Später verliert er die Arbeit und irrt wieder durch die Hochhausschluchten, sichtlich von Heimweh und vom Hunger geplagt, was ihn schließlich zu einem Brotdiebstahl verleitet.






















Schließlich führt uns die Handlung noch zu einem inzwischen verlorenen Gebäudeklassiker: dem dritten Madison Square Garden, der von 1925 bis 1968 an der 8th Avenue zwischen 49th und 50th Street stand. Dort werden Tonio und sein Freund als Handlanger am Boxring beschäftigt.











Der verlorene Sohn beginnt wie ein typischer Bergfilm der damaligen Zeit mit Gebirgspanoramen, Skirennen und einem schweren Bergunglück. Erst nach dreißig Minuten Spielzeit wechselt der Film vom abgelegenen Südtiroler Tal hinüber in die Landschaft einer nordamerikanischen Großstadt. 

Gut gefallen haben mir die eindrucksvollen Schwarzweißbilder. Sicherlich hat sich Trenker da einiges bei Dr. Arnold Fanck abgeschaut, unter dessen Regie er Mitte der 1920er mehrmals als Darsteller im Einsatz war. Wir haben heute ja schon unzählige Male bewegte Bilder von New York gesehen. Damals 1934 ist das Publikum sicherlich noch nicht so vorbelastet gewesen, so dass die Bilder vom Empire State Building und vom Wolkenkratzerbau auf der großen Leinwand sicherlich der Kracher waren.

Dank der mit versteckter Kamera auf den Straßen von New York gefilmten Sequenzen erinnert mich "Der verlorene Sohn" auch an einen meiner absoluten Lieblings-Stummfilme: "Menschen am Sonntag", zum Teil auf ähnliche Weise gedreht in Berlin im Sommer 1929.

Und interessant fand ich den Umstand, dass die bei Youtube verfügbare Version konsequent zweisprachig daherkommt. Spielt der Film in Südtirol, ist die Sprache deutsch bzw. Mundart, in New York wird dagegen fast nur Englisch gesprochen. Das geht soweit, dass sogar die amerikanische Darstellerin der Liliam (Marian Marsh) in einigen Sequenzen deutsch mit einem leichten englischen Akzent spricht. Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass dieser Film damals unbearbeitet in dieser zweisprachigen Version in den deutschen Lichtspielhäusern vorgeführt wurde.

Für alle, die jetzt gerne noch einen eigenen Blick auf den verlorenen Sohn werfen möchten, folgt nun die eingebettete Version bei Youtube. Manhattan erscheint ab 31:46 min.







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